Zur Ruhe finden

In Zeiten von Facebook, Twitter und Youtube haben wir die Fähigkeit zur Stille verlernt. Doch Kopf und Seele brauchen hin und wieder den Leerlauf, um sich neu zu sortieren.

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Der Inhalt dieses Artikels wurde von bewusster leben zur Verfügung gestellt.

Die Stille hat den Menschen zu allen Zeiten fasziniert. Auch wenn wir selbst für all den Lärm um uns herum verantwortlich sind und kaum einmal für einen Augenblick innehalten, sondern uns pausenlos berieseln lassen: Wir sehnen uns nach Stille. Nach einer Pause für unsere Seele. Wenn wir nach einem hektischen Tag nach Hause kommen, wollen wir nur noch eines: abschalten.

Doch was machen wir? Wir schalten an: den Fernseher, das Radio, den Laptop, das iPhone. Wir checken noch schnell die letzten Mails, schauen nach neuen Einträgen auf Facebook und Instagram, greifen zum Telefon, versenden noch schnell eine WhatsApp-Nachricht oder SMS. 

Wir sehnen uns nach Stille, haben aber gleichzeitig Angst vor ihr 

Irgendwie scheinen wir zu ahnen, dass Stille etwas Gefährliches ist. Etwas, das uns Angst macht. So flüchten wir auch noch in unserer Freizeit von einer Aktivität in die nächste. Es ist paradox: Wir sehnen uns nach der Stille, aber wir haben gleichzeitig Angst vor ihr. Und das hat seinen Grund: «Offenbar fehlt uns das Vertrauen darauf, dass in der Tiefe unserer selbst etwas ist, wenn mal nichts von aussen andrängt», wie der Soziologe Hartmut Rosa folgert. Wer erlaubt sich schon noch den Luxus, offline zu sein? 

Ob unter Managern oder Politikern, Selbstständigen oder Angestellten – bei allen breitet sich das Gefühl aus, permanent unter Druck zu stehen, ständig an Quartalsbilanzen, Umfragewerten oder roduktionssteigerungen gemessen zu werden und sich keine Atempause mehr gönnen zu dürfen. Hinzu kommt: In Zeiten von Facebook und Instagram, Twitter und Youtube verlernen wir die Fähigkeit zur Stille und Musse. Auch im Internet kommt auf einmal die Anforderung auf uns zu, uns permanent selbst inszenieren zu müssen, um möglichst viele «Freunde» zu gewinnen. Wenn sich das Leben mehr und mehr online abspielt, wer kann sich da überhaupt noch den Luxus erlauben, offline zu sein?

Dabei galt das «Fernsein von Geschäften und Abhaltungen», als welches die Musse definiert wird, einst als edelste Haltung des Menschen überhaupt. In solchen Zeiten kam man zu sich selbst, philosophierte, betrachtete die Natur oder sprach mit Gott. Man fragte sich nicht, was das am Ende «bringe». Derjenige, der die Stille und den Müssiggang suchte, war sich selbst genug, er verfolgte keinen Zweck im Sinne einer Verwertungslogik. 

Ein Leerlauf im Kopf ist für eine geistige Stabilität unabdingbar

Heute jedoch gelten das Nichtstun, die Einkehr in die Stille, Zeiten, in denen nichts geschieht, als unproduktiv und öde. Doch wer so denkt, unterliegt einem gewaltigen Irrtum, denn den Sinn solcher Mussestunden betrachten inzwischen sogar moderne Hirnforscher als einen Zustand, den wir zur Regeneration dringend benötigen. Es ist also keineswegs so, dass Nichtstun nichts brächte. 

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass unser Gehirn offenbar immer wieder Zeiten des Nichtstuns braucht, damit es sich neu sortieren kann. Ein gewisser Leerlauf im Kopf ist demnach für unsere geistige Stabilität geradezu unabdingbar. Er gibt uns immer wieder die Kraft und neue Orientierung, um den Anforderungen des Alltags auch gewachsen zu sein. Ihn zuzulassen fällt uns heute jedoch immer schwerer. Auch wenn wir Zeiten des Nichtstuns und der Stille als Notwendigkeit für uns erkennen, ist es gleichwohl schwierig, sich solche auch zuzugestehen. Den Lärm und die Betriebsamkeit um uns herum benutzen wir oft nur als Ausrede, um uns einzureden: Ich kann doch keine Stille finden. 

Leben ist mehr als das Materielle, Sichtbare, Verwertbare

Der Soziologe Hartmut Rosa sagt dazu: «Je produktiver wir werden, je mehr wir pro Stunde erarbeiten, umso mehr steigt der Druck auf jene Stunden, in denen wir nicht arbeiten, weil wir nun die Erwartung haben: Jetzt muss ich aber mal wirklich gut entspannen!» So kann es schnell passieren, dass wir nicht einmal mehr unsere Auszeiten geniessen können, weil wir zu sehr auf deren Nutzen schielen und den Gedanken an ihre Verwertbarkeit nicht ausblenden können. Selbst an Feiertagen oder zwischen den Jahren fällt es vielen schwer, richtig auszuspannen. Denn nun drängt, was man schon lange tun wollte: endlich einmal wieder mit der Familie, den Kindern, den Eltern etwas machen, alte Klassenkameraden wiedersehen, zusammen essen, Hobbys pflegen, Sport treiben … Am Ende kann sogar die freie Zeit den Charakter von Arbeit annehmen. Und trotzdem sehnen wir uns nach der Stille als eine Zeit nur für uns. Wir tragen alle in uns das Wissen, dass es im Leben mehr gibt als das Materielle, Sichtbare, Verwertbare. Das Transzendente, Unsichtbare und Zweckfreie, alles das, was unser Leben erst lebenswert macht, erfahren wir nur in der Stille. 

Doch geniessen wir nicht bei allen Klagen über die fehlende Musse auch die Beschleunigung unseres Lebens? Es fällt uns nicht leicht, von den hektischen Gewohnheiten wirklich zu lassen. Um gegen den Zeitgeist der permanenten Geschäftigkeit anzukommen, müssen wir deshalb die Stille ganz bewusst zu uns einladen und sie mit eiserner Disziplin als einen festen Bestandteil in unseren Alltag einbauen. 

Die Stille ist ein scheues Reh. Von alleine kommt sie nicht. Stille ist möglich. Wenn wir es nur wollen, können wir uns Inseln – Stunden, wenigstens Minuten – der Stille schaffen. Wir können uns frei machen vom herrschenden Kosten-Nutzen-Denken, das auch vor unserer Privatsphäre nicht haltmacht. Um sich immer wieder zu einem «Rendezvous mit der Stille» zu verabreden, kann es deshalb hilfreich sein, wenn wir in unseren Terminkalender ab und zu mal eintragen: «Stille». Und wenn dann jemand fragt: «Wollen wir an diesem Tag etwas unternehmen?» Dann sollten wir auch konsequent sagen: «Nein, da hab ich schon was vor.»

Wie wir aus der Stille neue Kraft schöpfen können

Diesen «Stilletermin» sollten wir genauso behandeln wie andere wichtige Termine auf unserer Agenda und gar nicht erst überlegen, ob wir ihn mal ausfallen lassen oder später hingehen sollen. Dadurch entlasten wir uns vom Druck des ständigen Entscheidenmüssens. Nehmen Sie sich also für den Anfang einfach mal jede Woche zwei Stunden ganz bewusst Zeit für die Stille. Und haben Sie keine Angst davor. Schlimmer als beim Zahnarzt kann es auch nicht werden. Mit Stress haben wir leidlich gelernt umzugehen. Aber mit Stille? Wirklich mal nichts tun, ist gar nicht so einfach und will deshalb auch gelernt sein. 

Stille als Ausgangspunkt für eine Neuorientierung

Sie können sich beispielsweise für Ihr erstes Rendezvous mit der Stille raus in die Natur begeben, sich auf eine Bank setzen und einfach nur mal das wahrnehmen, was sich vor Ihren eigenen Augen und Ohren abspielt. Vielleicht entdecken Sie die vielen unterschiedlichen Farbtöne in der Natur, das fröhliche Zwitschern eines Vogels (welches Vogels?), das sich Hin- und Herwiegen der Blätter. Oder Sie hören auf die Geräusche, die der Wind macht.

 
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Sie können sich ebenso gut auf das Sofa im warmen Wohnzimmer zurückziehen, die Beine hochlegen und sich darauf konzentrieren, was Sie gerade fühlen. Wie die Gedanken, einer nach dem anderen, an Ihnen vorüberziehen. Versuchen Sie dabei kein Gefühl und keinen Gedanken festzuhalten. Tauchen Sie einfach ganz in das ein, was jetzt gerade ist! Je tiefer Sie das tun, umso mehr lassen Sie los. Und je mehr Sie loslassen können in der Stille, umso gelassener werden Sie im Alltag. Stille schafft Ehrfurcht, Demut und Hingabe.

Buddhisten schätzen die Stille als den Ursprung der Kraft und Neuorientierung. Pyar Troll beschreibt sie so: «Der Verstand kann die Stille nicht hören, aber das Herz hört sie, wenn wir unsere Aufmerksamkeit von unserem ständigen Selbstgespräch weg und auf die Stille selbst ausrichten.» Die Stille ist für Buddhisten ein offener Raum der Unendlichkeit. In ihm und aus ihm entsteht alles. Wer die Stille sucht, muss hinter und zwischen seine Gedanken gehen, denn sie sind es, die uns ständig von der Wahrnehmung der Stille abhalten. «Unser eigener Verstand spricht ständig mit sich selbst, tauscht Argumente und Gegenargumente aus», sagt Pyar Troll. Wir können uns dieses Gedankenstroms bewusst werden und auf die Lücke zwischen den Gedanken achten. In diesem Raum zwischen dem einen und dem nächsten Gedanken, dem einen und dem nächsten Atemzug ist für Buddhisten die Stille zu finden. In ihm steht die Zeit still und wir können das Unfassbare erleben: eine unendliche Weite, in der es kein Ich und kein Ego mehr gibt. Stille ist der Ort, in dem wir ganz präsent, wach und lebendig sind. 

Das Glück der Stille: Unendliche Weite, in der es kein Ich und kein Ego mehr gibt

Wenn wir in der Stille sind, dann zeigt sich das berühmte «Innere Lächeln» und wir erfahren eine tiefe Glückseligkeit. So wird die Zeit der Stille zu einer Kraftquelle. In der Stille hört das Reden und Denken auf. Es kommt nur noch auf das Hören an. In ihr erfahren wir eine Übereinstimmung zwischen uns und dem, worauf es in unserem Leben ankommt. Wer das versteht, kann erleben, dass sich die Stille manchmal sogar unvermutet von hinten anschleicht und uns plötzlich überrascht, obwohl wir gar keinen Termin mit ihr vereinbart hatten. Zum Beispiel beim Lesen eines Stille-Artikels – JETZT, in diesem Moment. 

Übung für mehr Gelassenheit

Nehmen Sie eine Klangschale oder eine Glas- oder Kristallschale, die schön klingt. Es ist besser, wenn der Ton nicht so hoch und so hell ist, also eher eine nicht so kleine Schale. Legen Sie sich auf eine nicht zu weiche Unterlage und setzen Sie die Schale auf Ihre Brust. Dann schlagen Sie sie an – am besten mit etwas Hölzernem, sie klingt dann besonders schön. Und nun lauschen Sie, wie sie verklingt. Lassen Sie sich von dem leiser werdenden Ton in die Stille führen. Lauschen Sie, bis nicht mehr das Geringste zu hören ist, und lauschen Sie noch eine Strecke weiter in die Stille hinein. Wenn dann Gedanken kommen – irgendwann kommen sie –, schlagen Sie die Schale von Neuem an. Und gehen Sie wieder mit ihrem leiser und leiser werdenden Verklingen in die Stille. Nehmen Sie wahr, was ausserdem hörbar wird: das Auto von unten. Die Stimme von nebenan, die Vögel draussen, ein Hund. Nehmen Sie es wahr und lassen Sie es los. 

Dies ist eine Übung des Loslassens. Alle Übungen des Lauschens sind Übungen des Loslassens. Haften Sie nur dem Klang an, der jeweils verklingt, und lassen Sie auch ihn los – jedes Mal –, und wenn dann die Stille kommt, werden Sie eins mit der Stille. Jedes Mal wieder, Sie werden die Stille. Erfahren Sie Ihren Atem. Wie er kommt – wie er geht – warten Sie, bis er von selbst wiederkommt – ohne ihn zu verändern. Erfahren Sie seinen tiefsten Punkt: nachdem er gegangen ist, bevor er wiederkommt. Er nimmt Sie mit in die Quelle, aus der er kommt – und in die er geht: Stille. Es ist das Heilige. Es ist Odem. Und immer wieder: Wenn ablenkende Gedanken kommen, schlagen Sie von Neuem die Schale an. Lassen Sie diesen Vorgang mehrere Male geschehen. Tuen Sie es so oft, wie es Ihnen gefällt. Es ist eine Übung, die stärkend und sammelnd sein kann. Sie werden bemerken, dass die Abstände zwischen Ihrem Schlagen der Klangschale immer grösser werden. Nach einiger Zeit müssen Sie sie überhaupt nicht mehr anschlagen, Sie brauchen keine Klangschale mehr. Sie sind «drin» im Raum der Stille, der Essenz, des Seins. Je öfter Sie dies erfähren, desto leichter können Sie in diesen Raum eintreten. «Plups» – und Sie sind drin. 

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