Yoga – einst indisch, heute überall

In Indien spielt der Yoga-Lehrer als sogenannter Guru noch eine wichtige Rolle. Bei uns ist Yoga mehr ergebnisorientiert und von Atem- und Körperübungen sowie Entspannungstechniken geprägt.

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Für Rudradev aus dem nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh und für Radhakrishna aus dem südindischen Karnataka ist es selbstverständlich, zu Beginn des Yoga-Unterrichts ein Gebet mit der Huldigung des Sonnengottes Savitur oder ein Loblied auf Shiva anzustimmen und im Anschluss an die Asana- und Prânâyâma-Praxis ein belehrendes Gespräch über die Kernaussagen der Upanishaden, der wichtigsten Schrift der Hindus, zu führen oder mit den Schülern im Garten zu arbeiten, was als Karma-Yoga bezeichnet wird: Yoga des selbstlosen Handelns. 

Yoga in Indien

Zu diesen für Yoga in Indien typischen Situationen kommt die verbreitete und lebendige Tradition, dass Yoga noch immer individuell durch einen persönlichen Lehrer an einen einzelnen Schüler oder innerhalb der Familie vermittelt wird. Da die indische Gesellschaft patriarchalisch und von einer Kasten-Ordnung (Priester) geprägt ist und zum Teil aus der Kshatriyas-(Krieger-)Kaste besteht. Zum anderen spielen in Indien Yoga-Richtungen eine grössere Rolle, bei denen es weniger um Körperbeherrschung und physische Übungen geht, wie zum Beispiel Bhakti-Yoga und Jnana-Yoga. Zudem nimmt die rituelle und religiöse Praxis einen grösseren Stellenwert ein, da alle Bereiche des Alltags mit dem Glauben der Hindus verknüpft sind.

Insgesamt ist das Verständnis, was Yoga in seiner Komplexität sein kann, auf dem indischen Subkontinent umfassender und oft auch eine Selbstverständlichkeit. Von den Wandlungen, die Yoga im Verlauf der Jahrhunderte vollzog, sind in Indien nach wie vor verschiedene historische Entwicklungsstufen und traditionelle Ausprägungen anzutreffen. Dazu gehören beispielsweise Asketen- und Eremiten, Yoga-Philosophen und Tantriker. Im Westen sind solche Yogis eher die Ausnahme. 

Yoga im Westen

Für John aus Texas und für Sylvia aus Hamburg spielen vedische Gebete weder im Unterricht noch ausserhalb der Yoga-Kurse eine Rolle. Selbst das einsilbige OM ertönt bei ihnen nicht. Beide vermitteln modernes Hatha-Yoga, das von intensiver Asana- und Prânâyâma-Praxis geprägt ist. Es ist auf Gesundheit, Wohlbefinden und Ausgeglichenheit ausgerichtet. Einmal in der Woche leiten die beiden auch eine Meditation, doch die ist auf keinen hinduistischen Gott gerichtet, sondern gegenstandslos. 

Yoga im Westen bezieht sich seit Jahrzehnten weitgehend auf Hatha-Yoga und wird primär durch Vermittlung in Kursen für Gruppen mit durchschnittlich fünf bis fünfundzwanzig Teilnehmern weitergegeben. Die traditionelle und verbindliche Anbindung an einen Guru (Lehrer) fehlt gänzlich und der spirituell-religiöse Bezug ist eher sekundär oder ganz ohne Bedeutung. Yoga im Westen ist zumeist ergebnisorientiert und von Atem- und Körperübungen sowie Entspannungstechniken geprägt. Stressabbau und der Zielaspekt «Gesundheit» stehen im Vordergrund. 

Dass sich Yoga-Lehrer in Verbänden und Vereinen organisieren und die Qualität des Unterrichtens in nachvollziehbaren Richtlinien für Unterrichtsinhalte und Lehrbefähigungen überprüfbar ist, dies ist eine für den Westen ebenfalls typische Entwicklung. In Indien geht es zwar allgemein deutlich bürokratischer zu als in Deutschland, aber das Interesse, sich in einem Yoga-Verband oder in speziellen Arbeitskreisen zusammenzuschliessen, ist dort eher gering. 

Ebenso ist das Diskutieren und Hinterfragen von Anweisungen und klassischen Schriften eine spezifisch westliche Eigenart, die auch auf Yoga-Seminare und -Workshops zutrifft. «Zu fragen, warum dies und jenes so und nicht anders praktiziert wird, dies ist eine für den Westen typische Situation», stellte der südindische Yoga-Meister T.K.V. Desikachar während eines Seminars in Köln fest. Und er fügte hinzu: «Ich finde das gut.»

Popularitätsschub 

Die Yoga-Szene in den USA erfreut sich seit vielen Jahren konstant grosser Popularität. Yoga ist sowohl an der Westwie an der Ostküste Nordamerikas hip und weit verbreitet. Im Vergleich zur Yoga-Szene in Europa praktizieren in den USA etwa doppelt so viele Menschen regelmässig Yoga, registriert sind derzeit ungefähr zehn Millionen Amerikaner. Das Renommee des Yoga liegt zum einen an etlichen Yoga praktizierenden Stars aus der Musikbranche wie Sting und Madonna, prominenten Models wie Christy Turlington sowie Hollywood-Schauspieler(inne)n wie Meg Ryan, Michelle Pfeifer, William Dafoe und Woody Harrelson, die regelmässig Yoga üben.

 

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Zum anderen wird Yoga in den USA seit Jahren exzessiv vermarktet, wodurch es auch zu einem Wirtschaftsfaktor wurde, bei dem es unter anderem um Trademark-Rechte sowie um Yoga-Urlaub, Yoga-Porzellan, Yoga-Designerkleidung und Yoga-Accessoires geht. Was also neben der Vorbildwirkung der Stars und dem positiven Ruf an sich zur starken Verbreitung des Yoga in den USA beigetragen hat, ist die kommerzielle Vermarktung durch CDs und DVDs, durch Hochglanzmagazine und aufwendig gestaltete Yoga-Webseiten mit integriertem Shop. Die immense Popularität des Yoga in den USA hat sich insbesondere auf das deutschsprachige Europa sowie auf Kanada, Israel und Australien ausgewirkt. Dies wiederum nimmt Einfluss auf Indien, wo Yoga wieder mehr Zulauf und einen höheren sozialen Stellenwert bekommt. Und auch dort wird Yoga nun mit Erfolg im Berufsleben, mit gutem Aussehen und Verbesserung der Figur in Zusammenhang gebracht und es finden öffentliche Yoga-Wettbewerbe statt, bei denen die Demonstration akrobatischer Asanas bewertet wird. Hinzu kommt, dass sich indische Yoga-Lehrer zunehmend ebenso oft im Westen aufhalten wie in der Heimat. Diese wachsende Popularität und die damit verbundenen Einnahmemöglichkeiten bringen es leider auch mit sich, dass die Intentionen und Potenziale des Yoga oft verwässert und entstellt werden und Yoga mit Trendsport oder mit einem speziellen modischen Outfit verwechselt wird. Dies ist die Kehrseite des Booms, in dem es längst um Millionenumsätze geht. 

Die speziellen Prägungen des Yoga variieren je nach Kulturkreis und gesellschaftlichem Umfeld. Auch im Westen gibt es exotisch gefärbtes und am Hinduismus angelehntes Yoga und entsprechende Einrichtungen. Doch zugleich hat sich eine unabhängige Yoga-Szene entwickelt, die neue Akzente setzt. Bereits etabliert ist «Yoga der Energie», das sich von Frankreich ausgehend in Europa entwickelte. Relativ neu dagegen «Business-Yoga», das sich primär an Manager und Makler richtet und erfolgreich von dem Schweden Göran Boll kreiert wurde, sowie Anusara-Yoga, eine «Erfindung» des Texaners John Friend, bei dem die «fünf Prinzipien der Ausrichtung» (alignment) eine besondere Rolle spielen. Die Mehrheit der weltweit nach Sinn, Entspannung und Körperbeherrschung Suchenden wird sich auf Angebote und Besonderheiten des unmittelbaren Umfeldes einlassen und sich darin wohlfühlen. 

Die verschiedenen Yoga-Trends 

Es vergeht kaum ein Monat, in dem keine neuen Yoga-Trends kreiert werden. Oft sind es jedoch nur minimale Akzentverschiebungen in den Übungen oder in der Art des Übens. Viele Trends entstehen aus einem gewissen Geltungsbedürfnis heraus und natürlich spielt der kommerzielle Aspekt eine Rolle. So ist es nicht verwunderlich, dass insbesondere in den USA ständig neue Yoga-Stile angeboten werden. Sie kommen und gehen wie die Blüten am Baum: Aqua-Yoga, Bihari-Yoga, Disco-Yoga, Hot-Nude-Yoga, Ishta-Yoga, Jivamukti-Yoga, Meridian-Yoga, Pilates-Yoga (respektive Yogilates), Synergy-Yoga, Thai-Yoga, Tri-Yoga, Flow-Yoga, White-Lotus-Yoga. Da stellt sich dann doch die Frage, ob das noch alles Yoga ist, was da an neuen und angesagten Trends in Umlauf kommt. 

Es geht um die Erfahrung des eigenen inneren Reichtums 

Sich auf all die Trends einzulassen, steht natürlich jedem frei und die persönlichen Erfahrungen können dabei durchaus positiv sein. Entscheidend ist jedoch nicht, ob Yoga nach Alan oder Kali, ob Hot-Nude-Yoga oder Cool-Dress-Yoga praktiziert wird. Entscheidend ist vielmehr, dass es den Praktizierenden dabei und danach sowohl subjektiv als auch objektiv gut (wenn nicht gar besser) geht.

Wichtig ist zudem, zu realisieren, dass Yoga eben mehr ist als eine gerade angesagte Methode, um fit zu sein und eine bessere Figur zu bekommen, oder ein bewährtes Mittel, den Stress effektiv abzubauen. Allerdings ist die Vertiefung von Praxis und Ausrichtung nicht zu verwechseln mit einer schwärmerischen Annäherung an den Hinduismus und dem Versuch, «Hinduismus light» auszuüben. Vedische oder hinduistische Götter zu preisen, Feuerzeremonien beizuwohnen und Räucherstäbchen vor Idolen zu schwenken, hat wenig mit Yoga, aber viel mit der Illusion zu tun, dass es «spirituell» sei, sich einige effektvolle oder wohlklingende Elemente aus einer an Geburt, Kaste und den Kreislauf der Wiedergeburten gebundenen Religion anzueignen. 

Die Entwicklung des Yoga über die Jahrtausende hinweg zeigt deutlich, dass es im Kern nicht um Äusserlichkeiten und spezifische Begriffe oder um das Outfit und eine beeindruckende Selbstdarstellung geht. Es geht vielmehr um die eigene Erfahrung des inneren Reichtums, um das Erleben von Freiheit als vollständige Unabhängigkeit sowie um eine ganz unterschiedliche Bereiche umfassende Lebensweise. Allzu oft hindern solche Trends jedoch die eigene persönliche Entwicklung beim Yoga. Hier wird die äussere Erscheinungsform mit der Substanz verwechselt. Sprich: Der Trend an sich und das Drumherum ist wichtiger, als die Erfahrung und die Praxis des Yoga. Und das sollte nun wirklich nicht sein. 

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