«Ich musste mich zwischen Leben und Tod entscheiden»

Claudia Schäpper (47) aus Möriken AG durchlebte nach einem Autounfall eine Nahtoderfahrung. Uns hat sie erzählt, was sie erlebte.

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Es passierte an einem nebeligen Tag: Claudia Schäpper (47) hatte sich am Tag zuvor ihr erstes eigenes Auto gekauft. Am besagten Morgen begleitete ihr Freund sie bis zum Fahrzeug. «Er fragte mich noch, ob ich wirklich alleine fahren möchte – als ob er eine Vorahnung gehabt hätte», erzählt sie im Gespräch mit Vayamo. 

Bei ihrem Unfall war die gelernte Zahnarzthelferin Anfang zwanzig. Schäpper erinnert sich: «Ich weiss noch, dass ich am Radio herumschraubte und die Fahrbahn leicht nass war. Plötzlich sprang vor mir etwas über die Strasse. Ich erschrak, riss am Steuerrad und kam ins Schleudern.» Das Auto fuhr mit 80 Kilometern pro Stunde in einen Baum.

«Die Feuerwehr musste mich aus dem Fahrzeug herausziehen. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, lag ich auf dem Röntgentisch.» Für Schäpper fühlte sich die Zeit dazwischen an wie eine Ewigkeit. Effektiv waren es aber nur wenige Stunden.

Die 47-Jährige beschreibt, was sie in dieser Zeit erlebte: «Gleich nach dem Aufprall schleuderte es mich aus meinem Körper. Das Erste, woran ich mich erinnere, ist dieses unglaubliche Erstaunen darüber, dass ich mich plötzlich von oben sehen konnte.» Sie habe ein «sehr helles Licht» wahrgenommen, das ihr ein Gefühl von Heimkommen und Willkommensein vermittelte. «Ich empfand einen Frieden, der nur schwer in Worte zu fassen ist. Das Licht zog mich magisch an.»

Zurückkehren oder loslassen?

«Ich wusste plötzlich, dass ich auch ausserhalb meines Körpers existiere. Ich realisierte, dass mein Bewusstsein nicht an meinen Körper gebunden ist, weil ich mich von oben im Fahrzeug liegen sah», erzählt Schäpper weiter. Diese Erkenntnis ist für die heute 47-Jährige das Unglaublichste am Erlebten. Dann nahm sie eine Lichtgestalt wahr, mit der sie zu sprechen anfing. «Sie stellte mich vor die Entscheidung, zurückzukehren oder loszulassen. Ich entschied mich klar fürs Zurückgehen.» Danach sei sie wieder in ihren physischen Körper zurückgezogen worden.

Picture Vor mehr als 20 Jahren hatte Claudia Schäpper einen schweren Autounfall. © eins-sein.ch

Die Auseinandersetzung mit ihrer Nahtoderfahrung musste die Verunfallte erst einmal zurückstellen. Denn nach dem Unfall ging es in erster Linie ums Überleben und um die Bewältigung ihrer Schmerzen. «Es war ein unglaublicher körperlicher Kampf. Vor dem Unfall war ich eine sportliche, junge Frau. Danach war ich ein ganz anderer Mensch. Ich war müde und erschöpft, lebte mit enorm starken Schmerzen.» Schäpper konnte ihrem damaligen Job als Zahnarzthelferin nicht mehr nachgehen, wurde vorübergehend zum IV-Fall. Der Heilungsprozess zog sich über Jahre hin. 

Das Bedürfnis, die Nahtoderfahrung irgendwie einzuordnen, kam für Schäpper erst später. Sie begann, Bücher zum Thema zu lesen – angetrieben vom Wunsch zu verstehen, was hinter dem Erlebten steckt. «Mit meiner Familie habe ich nie darüber gesprochen. Bei ihnen war absolut kein Bewusstsein für so etwas vorhanden.»

Tests an Ratten 

Nahtoderfahrungen, wie Schäpper sie erlebt hat, beschreiben Betroffene unterschiedlichster Kulturen ähnlich – im Zusammenhang mit einem warmen Licht, das ihnen ein Gefühl von Liebe und Frieden gab. Sie berichten auch, wie sie sich von ihrem Körper lösten, in einen Tunnel gezogen wurden oder auf verstorbene Verwandte trafen. 

Obwohl die Fachwelt geteilter Meinung ist, kann die Wissenschaft solchen Erscheinungen annähernd erklären. Forscher der University of Michigan haben einen an Ratten durchgeführt. Sie untersuchten ihre Hirnaktivitäten im Wachzustand, unter Narkose und nach einem Herzstillstand.

In den ersten 30 Sekunden nach dem Herzstillstand zeigten die Tiere starke Hirnwellen, als ob dieses wach und stimuliert wäre. Diese Wellen überstiegen sogar die Werte des Wachzustands. Das bedeutet, dass das Gehirn im frühen Stadium des klinischen Todes durchaus zu elektrischer Aktivität fähig ist, was möglicherweise eine Nahtoderfahrung auslösen könnte.

Untersuchungen am Menschen nicht möglich

Nicht nur bei sterbenden Patienten könne es zu solchen Erlebnissen kommen, erklärt Dr. med. Lukas Imbach (41), Oberarzt in der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich, gegenüber Vayamo. «Bekannt ist, dass auch bei Ohnmachtsanfällen wegen der fehlenden Blutversorgung des Gehirns zum Beispiel ein Tunnelblick auftreten kann.» Es sei eine kurze Funktionsstörung eines ansonsten funktionierenden Gehirns.

Was Schäpper erlebt hat, könnte laut Imbach mit einer Blutunterversorgung des Gehirns zusammenhängen. «Wenn das Gehirn kurz nicht oder ungenügend mit Blut versorgt ist, treten solche Phänomene häufiger auf, da das Gehirn in dieser Phase nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird.» Dabei spielten sich diese Phänomene aber ausschliesslich im Gehirn ab. Mit dem Körper der Person passiere während einer Nahtoderfahrung nichts. 

Man könne Patienten während der Nahtoderfahrungen nicht mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen, sagt Imbach. «Doch Tierexperimente, beispielsweise an Mäusen, haben gezeigt, dass insbesondere kurz vor Eintreten des Hirntodes eine hohe Gehirnaktivität nachweisbar ist. Somit ist es durchaus denkbar, dass Nahtoderfahrungen eine ganz normale Reaktion eines sterbenden Gehirns sind.» 

Durch Unglück stärker geworden

«Rückblickend sehe ich, wie sehr mich das Ganze verändert und stärker gemacht hat», sagt Schäpper, die sich zum Coach und zur Prozessbegleiterin umschulen liess. In ihrer eigenen Praxis unterstützt sie Menschen dabei, eine gesunde Beziehung zu sich selbst zu entwickeln und Probleme zu bewältigen. «Wenn ich das alles durchstehen konnte, können auch meine Klienten lernen, Beziehungsprobleme, Blockaden und Gefühle, mit denen sie nicht umgehen können, zu überwinden und daran zu wachsen.»

*Die weitere Beratung kostet je nach Qualifikation des Beraters zwischen CHF 2.50 und CHF 6.50 pro Minute. Der geltende Tarif wird Ihnen vor dem kostenpflichtigen Gespräch kommuniziert. 

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