«Die Methoden der Alternativmedizin werden immer akzeptierter»

Viele Leute stehen der traditionellen chinesischen Medizin skeptisch gegenüber. Jean-Philippe Rüegg (41) ist Akupunkteur und klärt auf, was genau hinter der Arbeit mit den Nadeln steckt und wie sich das Bild der Akupunktur in den Jahren verändert hat.

PictureJean-Philippe Rüegg ist diplomierter Akupunkteur und arbeitet unter anderem in der Gemeinschaftspraxis New Leaves. © Vanessa Büchel

Eigentlich habe ich Angst vor Nadeln. Bei New Leaf Akupunktur lasse ich mich dennoch von Jean-Philippe Rüegg (41) piksen. Der Zürcher begrüsst mich zusammen mit seiner vierbeinigen Assistentin Toni in der Gemeinschaftspraxis in Zürich. Im Behandlungszimmer wird es dann ernst: «Einmal einatmen und wieder ausatmen, das hilft dem Fluss des Qi und lenkt vom Stich ab», erklärt der Akupunkteur. Und tatsächlich: Nur eine der vier Nadeln spüre ich, die anderen fühle ich beim Einstich kaum.

Während ich dort liege, schweben Klänge von asiatischer Musik durch die Luft. Um die Entspannung zu fördern, stellt Rüegg eine Wärmelampe über meinen Bauch. Ich spüre, wie die Stellen unter den Nadeln zu arbeiten beginnen. Es wird warm und kribbelt.

PictureRüegg mit seiner vierbeinigen Praxisassistentin Toni. © Vanessa Büchel

Das Grundprinzip der Akupunktur

Akupunktur ist eine jahrtausendealte chinesische Heilmethode. Dabei liegt das Grundprinzip darin, einen Ausgleich zu schaffen. «Die Basis der chinesischen Medizin bilden Yin und Yang», erklärt Rüegg. Bei einer Behandlung werde geschaut, wo ein Ungleichgewicht besteht und wie es korrigiert werden kann. «Wenn du zu viel von etwas hast, dann nimmst du etwas weg. Und wenn zu wenig von etwas da ist, dann gibst du dazu.»

In einem ersten Schritt wird durch eine Puls- und Zungendiagnose festgelegt, ob ein Mangel, eine Fülle oder eine Stagnation vorherrscht. Aufgrund dieser Diagnose entscheidet der Akupunkteur, welche Punkte für die Behandlung geeignet sind. Rüegg nennt ein Beispiel: «Wenn jemand permanent kalt hat und morgens Mühe damit hat aufzustehen, dann könnte das darauf hinweisen, dass ein Mangel vorherrscht. In einem solchen Fall gilt es aufzubauen. Dafür arbeite ich mit kräftigenden Punkten und mit Wärmetherapie.»

So hat sich die Akupunktur verändert

Dieses Prinzip lag der Akupunktur schon immer zugrunde. Doch die Methode hat sich in den Jahren etwas verändert, wie Rüegg erklärt: «Es ist wichtig, dass die Akupunktur dynamisch bleibt und dass man forscht, was vom alten System überhaupt funktioniert und von was man sich verabschieden kann.»

Die Heilmethode müsse sich den Gegebenheiten anpassen, denn die Umstände seien heute nicht mehr dieselben. «Ich denke, ein Reisbauer, der vor 1000 Jahren auf dem Feld, den ganzen Tag gebückt und mit den Füssen im Wasser arbeitete, hatte nicht dieselben Beschwerden wie jemand, der heute in der Stadt lebt, im Büro arbeitet und mit urbanem Stress zu kämpfen hat.» Heute beschäftige mehr das Gebiet des Psychosomatischen. Aktuelle Probleme seien häufig Stress, der Überfluss an Informationen und Reizen.

Viele Studien zur Erforschung von Akupunktur

Zur Erforschung der Wirkung von Akupunktur wurden bereits viele Studien durchgeführt. Eine der grössten Erhebungen zu diesem Thema führte im Februar 2002 die deutsche Krankenkasse durch: die sogenannten Gerac-Studien. Dafür wurden 1000 Personen untersucht, die seit länger als sechs Monate mit anhaltenden Kreuz- beziehungsweise Knieschmerzen zu kämpfen hatten. Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt: Die erste Gruppe wurde mit Akupunktur behandelt, die zweite Gruppe erhielt eine Schein-Akupunktur und die dritte Gruppe wurde mit schulmedizinischen Therapien behandelt. Die beiden Letzteren dienten als Kontrollgruppen. Für die Schein-Akupunktur wurde eigens für die Studie eine Methode erfunden, bei der in Punkte gestochen wurde, die einige Zentimeter von den echten Akupunkturpunkten entfernt waren.

Das Ergebnis der Kreuzschmerzen nach sechs Monaten: Bei einem Viertel der Patienten, die mit der Standardtherapie behandelt wurden, liess der Schmerz nach, und die Beweglichkeit der Wirbelsäule verbesserte sich. Bei den Akupunktierten lag die Erfolgsquote deutlich höher, bei 47,6 Prozent. Auch bei den Studienteilnehmern, die mit Schein-Akupunktur behandelt wurden, zeigte sich bei 44,2 Prozent eine Verbesserung.

Warum aber ein solch geringer Unterschied zwischen echter Akupunkturbehandlung und Schein-Akupunktur? Allein der Glaube an eine Methode und die Erwartung, dass der Schmerz bald nachlässt, zeigen Wirkung und beeinflussen unsere Gedanken – das ist heute bekannt. Im Hinblick auf eine baldige Belohnung schüttet unser Gehirn neben anderen Botenstoffen auch schmerzlindernde Opioide aus.

Wirkung des Placebo-Effekts wird unterschätzt

Rüegg weiss um diesen Placebo-Effekt: «Eine positive Einstellung gegenüber der Heilmethode hat immer einen Einfluss auf den Heilungsprozess, genau wie eine negative Einstellung sich negativ auswirken kann.» Der Akupunkteur glaubt, dass die Wirkung des Placebo-Effekts unterschätzt und noch zu wenig gezielt in Therapien miteinbezogen werde. «Man muss jedoch sagen, dass der Placebo-Effekt immer besser verstanden und erforscht wird.»

Die Gerac-Studien machten Schlagzeilen damit, dass die Akupunktur zwar eine Wirkung habe, dass es aber keinen Unterschied mache, wohin man steche. «Diese Aussage lässt ausser Acht, dass Behandlungen in der Studie nicht so durchgeführt wurden, wie sie in einer fundierten Akupunkturbehandlung durchgeführt worden wären», so Rüegg. So habe man bei allen Teilnehmern die gleichen Punkte gestochen. «Da Symptome aber verschiedene Ursachen haben können, sollte jeder Patient individuell angeschaut und eine personalisierte Punktekombination zusammengestellt werden.»

«In Vietnam gewann ich Sicherheit im Umgang mit Nadeln»

Akupunktur kann bei den unterschiedlichsten Beschwerden helfen, erklärt Rüegg. Unter anderem können neurologische Probleme, wie Kopfschmerzen oder Migräne behandelt werden, aber auch bei psychologischen Beschwerden, wie Schlafstörungen, Erschöpfung, Stress oder Burn-out, kann der 41-Jährige Nadeln setzen: «Ich steche sehr gerne jene Punkte, die auf das Nervensystem und die Psyche wirken.»

Und von diesen Punkten gibt es unendlich viele. Rüegg weiss: «Von den über 360 Punkten gibt es solche, die häufiger verwendet werden als andere. Im Alltag sind es vielleicht 60 oder 70 Punkte, die häufiger in Gebrauch sind.» Auch das mag für einen Laien wie ein undurchschaubares Netz wirken.

Doch Rüegg hat den Durchblick. Nachdem er in Zürich chinesische Medizin studiert hatte, absolvierte er ein Praktikum an einem Spital für traditionelle Medizin in Hanoi, Vietnam. Warum es ihn nach Vietnam und nicht China verschlagen hat? «Ich hatte von Mitstudenten viel Gutes über das Spital gehört. Mich hat vor allem angesprochen, dass man viel zum Praktizieren kommt. Im Studium lernte ich die Theorie, vor Ort gewann ich Sicherheit im Umgang mit Nadeln.»

PictureIn seiner Praxis bietet Rüegg Behandlungen zu unterschiedlichen Beschwerden an: Unter anderem können neurologische Probleme, wie Kopfschmerzen oder Migräne, behandelt werden, aber auch gegen psychologische Beschwerden, wie Schlafstörungen, Erschöpfung, Stress oder Burn-out, kann Rüegg Nadeln setzen. © Vanessa Büchel

Das Stechen zwischen Akupunktur und Schulmedizin

Am meisten fasziniert Rüegg an seiner Arbeit, dass jeder Tag anders ist. «Kein Mensch ist gleich, und ich mache nie genau dasselbe», schwärmt der Akupunkteur. Und besonders gefallen würde ihm auch diese «Detektivarbeit», wie er es nennt: Das Sammeln von Informationen, das Erkennen von Mustern und das Herausfinden, wie jede Person funktioniert. «Und ich habe einfach Freude an den Leuten. Ich habe Freude daran, zu sehen, wenn jemand Hoffnung in eine Behandlung setzt und ich anschliessend mit den Nadeln etwas Positives bewirken kann.»

Hoffnungsvoll stehen in der Schweiz aber nicht alle Personen gegenüber der Akupunktur. Es gibt immer wieder Menschen, die die Alternativmedizin für Humbug halten. Dann fragt Rüegg: «Haben Sie es schon einmal ausprobiert? Meist kommt dann ein ‹Nein!›.» Dann bestehe keine gute Basis, um überhaupt darüber zu diskutieren. Nur weil eine Methode nicht in das Weltbild einer Person passe, bedeute es nicht, dass sie wirkungslos ist. Deshalb gehe nichts über die eigene Erfahrung.

«Die Akzeptanz hierzulande hat aber extrem zugenommen», freut sich Rüegg. In den letzten Jahren gab es vermehrt Zusammenarbeit zwischen der westlichen und der chinesischen Medizin. «Innerhalb der Alternativmedizin ist Akupunktur aber sicher gut akzeptiert und wird mehr und mehr erforscht. Zum Thema gibt es auch zunehmend Studien.»

Picture

Bunte Moon Milk soll beim Einschlafen helfen

Auf Instagram finden sich zahlreiche Bilder eines ungewöhnlichen und meist rein pflanzlichen Milchgetränks: Moon Milk soll beim Einschlafen helfen, Stress senken und sieht dabei je nach Zutaten farbenfroh aus.

Picture

Einfache Tipps für Detox im Alltag

Täglich sind wir Einflüssen ausgesetzt, die unserem Körper auf Dauer nicht guttun. Zwischendurch mal zu entgiften, kann daher wahre Wunder wirken und neue Energie zurückbringen.

Picture

Wenn der Alltag mit Kindern zu viel wird

Nicht nur Manager oder Unternehmer sind von Dauerstress betroffen, der psychische und gesundheitliche Folgen haben kann. Immer mehr Eltern sind mit ihrem anstrengenden Alltag überfordert und kommen an ihre Grenzen. Eine Fachpsychologin für Psychotherapie berichtet.

Picture

Warum ist Verzeihen so wichtig?

Sie spielen lange die beleidigte Leberwurst? Das Grollhegen tut Ihnen nicht gut. Warum Sie lernen sollten, schneller zu vergeben.

Picture

Das verraten Ihre Lippen über Ihre Gesundheit

Über den Gesundheitszustand eines Menschen lässt sich einiges schon an seinen Lippen ablesen. Trockene, blasse oder rissige Lippen können zum Beispiel Symptome für unterschiedliche Mangelerscheinungen oder Krankheiten sein.

Gesundheit & Leben

Wenn der Alltag mit Kindern zu viel wird

Nicht nur Manager oder Unternehmer sind von Dauerstress betroffen, der psychische und gesundheitliche Folgen haben kann. Immer mehr Eltern sind mit ihrem anstrengenden Alltag überfordert und kommen an ihre Grenzen. Eine Fachpsychologin für Psychotherapie berichtet.

Gesundheit & Leben

Regelmässiges Lüften für Ihre Gesundheit

Luft von draussen tut Wohnräumen gut und beugt Schimmelbildung vor. Aber auch für uns Menschen ist frische Luft zu Hause wichtig, in stickigen Räumen wird man zum Beispiel schneller müde. Zu jeder Jahreszeit sollte mehrmals am Tag gelüftet werden.

Wir verwenden Cookies und andere Technologien, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Details und Widerspruchsmöglichkeiten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.