Die Corona-Krise als Chance für Paare

Wir verbringen aktuell mehr Zeit mit unseren Liebsten als sonst. Viele Paare oder Familien müssen sich zuerst wieder an das ständige Aufeinanderhocken gewöhnen. Welche Vorteile die viele gemeinsame Zeit bringt, verrät eine Paarberaterin.

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Weil ich alleine wohne, bin ich in der Corona-Zeit zu meinem Vater geflohen. Sonst fühlen sich die vielen Stunden zu Hause ja ganz schön einsam an, oder? Dass mein vorübergehender Einzug in mein ehemaliges Kinderzimmer aber auch einige Herausforderungen mit sich bringen wird, daran habe ich nicht gedacht.

Kleinere Konflikte gehören nun zum Alltag: Was sollen wir kochen oder was schauen wir abends im Fernsehen? All diese Fragen erübrigen sich in einem Einzelhaushalt, doch jetzt gehören sie wieder zum Tagesablauf dazu.

Nicht nur in wiedervereinten Familienhaushalten gibt es aktuell mehr Reibungen. Auch Paare tun sich schwer, sich an die neue Situation aufgrund des Coronavirus zu gewöhnen. Konflikte und Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert.

In China soll es gar mehr Scheidungen wegen Corona gegeben haben. Bei all diesen negativen Aspekten eröffnet sich die Frage nach den positiven Effekten, die die jetzige Situation wohl auch haben kann. Und: «Wie in jeder Krise gibt es auch jetzt die Kehrseite», sagt Rebekka Kuhn (30), Paarberaterin und Mediatorin beim Verein Paarberatung & Mediation im Kanton Zürich, zu Vayamo.

Sich dank der Krise weiterentwickeln


«Eine Krise sorgt für neue Entwicklungen. Ohne eine Krise gäbe es gar keine Veränderung, sonst würden wir weiter einfach in unserer normalen Routine bleiben», so Kuhn.

Durch die Krise eröffnet sich laut der Paarberaterin die Möglichkeit, sich selber und seinen Partner neu zu entdecken. Man könne gemeinsam kreativ werden und neue Ideen haben, was dafür sorgen könne, dass man sich als starkes Team fühle. «Die Krise gemeinsam zu durchleben und sich währenddessen auch zu unterstützen, schweisst zusammen, sorgt für Verbundenheit und stärkt die Beziehung.»

Ausserdem könne man lernen, seine Prioritäten neu zu setzen. «Was ist mir und meinem Partner eigentlich wirklich wichtig? Was tut mir und uns gut? Solche Fragen können jetzt gestellt und beantwortet werden.» Dafür habe man laut der Expertin jetzt mehr Zeit als sonst.

«Konflikte dürfen auch mal auf Corona geschoben werden»

Am Ende könne diese aussergewöhnliche Situation auch dafür sorgen, dass man gestärkt aus dem Ganzen hervorgeht. «Es ist gut möglich, dass man sich schlussendlich noch verbundener fühlt. Dies betrifft aber vor allem die Paare, die es generell bereits gut haben», führt Kuhn aus. Es gehe vor allem darum, dass man sich klar darüber werde, dass man diese schwere Zeit gemeinsam gemeistert und überstanden habe.

«Wichtig ist auch das Anerkennen der schweren Zeit. Dass man sich dieses Ausnahmezustands bewusst ist.» Kommt es zu Konflikten, ist es völlig in Ordnung, diese auch einfach mal auf Corona zu schieben, wie Kuhn sagt. «Aktuell spielt einfach gerade dieser externe Faktor mit. Und da ist es ganz normal, dass man sich auch mal auf die Nerven geht.» Man müsse einfach wissen, dass gereizt zu sein und eine angespannte Stimmung normal sind.
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Wie streitet man richtig?

Dass es in der Corona-Zeit zu mehr Reibungen und Auseinandersetzungen kommt, ist laut Rebekka Kuhn (30), Paarberaterin und Mediatorin beim Verein Paarberatung & Mediation im Kanton Zürich, völlig normal. «Wichtig ist, dass man sich darüber bewusst ist.» Und: «Wenn Konflikte wirklich gar nicht mehr lösbar sind oder wenn Gewalt im Spiel ist, sollte man sich unbedingt fachliche Hilfe holen.»

Die Paarberaterin erklärt, wie Sie sich während eines Konfliktes richtig verhalten:

  1. Sich beruhigen: Bevor man mit einem Vorwurf auf den anderen zurückkommt oder darauf reagiert, was der andere gerade gesagt hat, sollte man sich erst einmal beruhigen. «Zählen Sie innerlich bis zehn. Das hilft, um kurz durchzuatmen.» Denn oft käme es im Streit zu schnellen, affektiven Reaktionen, die gar nicht so gemeint sind. Dann ist es wichtig, seine automatischen Reaktionen zurückzuhalten und sich selbst zuerst zu beruhigen.
  2. Räumliche Trennung: Damit man nicht das Gefühl bekommt, eingeengt zu sein, sollte man hin und wieder für räumliche Trennung sorgen, wie Kuhn erklärt. «Man kann bei einem Streit sagen: ‹Ich muss jetzt kurz auf den Balkon oder eine Runde um den Block gehen.›» So bekomme man nicht das Gefühl, gefangen zu sein und unter Kontrollverlust zu leiden.
  3. Stopp-Regel: Das Gespräch darf man laut der Paarberaterin durchaus auch einmal stoppen: «Das muss der andere dann auch akzeptieren. Man kann dann sagen, das Gespräch wird zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt.» Dann haben sich vielleicht beide wieder gefangen.
  4. Nachbearbeitung: Wichtig ist auch, wie es nach dem Konflikt weitergeht. «Entschuldigen Sie sich für Fehler oder Verletzungen, und nehmen Sie die Entschuldigung des anderen an.» Im Nachhinein dürfe man den Konflikt gemeinsam auch auf Corona schieben und sagen, dass dieser externe Faktor mitspielt und Streit in der jetzigen Zeit völlig normal ist. Wichtig sei aber, dies nicht als Ausrede zu benutzen sich respektlos dem anderen gegenüber zu verhalten.

Viele Paarberatungen oder Gewaltpräventionsstellen haben jetzt Hotlines eingerichtet, wo Sie Hilfe holen können. Unter der Nummer 044 204 22 20, der E-Mail-Adresse hotline@paarberatung-mediation.ch oder per Chat ist der Verein Paarberatung & Mediation im Kanton Zürich von Montag bis Freitag von acht bis 18 Uhr erreichbar.
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Und nehme man die ganze Situation auch mit einer Portion Humor wahr, könne das helfen. «Sehen Sie das Ganze irgendwo auch mal mit einem Schmunzeln. Man ist ja eine Art Gefängnis-Gschpänli», erklärt Kuhn mit einem Lachen.

Dates zu Hause einplanen


Klare Absprachen können laut der Mediatorin beim Meistern des Alltags zu Hause helfen. «Mit einer klaren Tagesstruktur behält man eine Routine bei.» In diesem Tagesablauf sollten unter anderem Arbeit, Zweisamkeit, aber auch Zeit für sich alleine eingeplant werden. So kann für kurze Pausen gesorgt werden.

Ebenso können weiterhin Dates einen Platz im Alltag finden. «Alles, was jetzt wegfällt, wie beispielsweise ein Restaurantbesuch oder Sportaktivitäten, lässt sich auch auf eine neue Art und Weise von zu Hause aus erleben.» So könne man laut der Experten mithilfe von Youtube einen Tanzkurs machen, mit dem eigenen Instrument ein Konzert spielen oder Essen vom Lieblingsitaliener bestellen und dabei italienische Musik laufen lassen und Kerzen anzünden. «Ist man kreativ, kommt man auf Ideen, die man sonst so gar nicht gehabt hätte, und hat dadurch vielleicht weniger den Eindruck, auf etwas verzichten zu müssen», sagt Kuhn.

 

PictureRebekka Kuhn (30) ist Paarberaterin und Mediatorin. 
Sie weiss, wie die Krise auch ihre positiven Seiten für 
ein Paar haben kann. © paarberatung-mediation.ch

Den Fokus auf Stärken legen


Das Coronavirus ist eine Bedrohung von aussen. Dabei sei es laut Kuhn wichtig, den Fokus nach innen zu richten: «Legen Sie den Blick auf das Positive und achten Sie darauf, was Sie gemeinsam geschafft haben und worin Sie stark waren.» Seine eigenen Stärken und die des Partners genauer unter die Lupe zu nehmen, soll helfen, sich stark und stolz zu fühlen.

Im Alltag verstecken sich dabei so manche Fähigkeiten. «Die Rollen zu definieren, Disziplin zu haben, eine gute Kommunikation, auch freundlich zu sein, Selbstbeherrschung, Kreativität, Humor», nennt die Paarberaterin als Beispiele verschiedener Kompetenzen.

Diese Stärken wahrzunehmen und zu merken, dass man gemeinsam alles schafft, wird die Beziehung langfristig bereichern. «Im Endeffekt kann man in einer Krise auch ganz viel gewinnen und nicht nur als Verlierer daraus hervorgehen.»

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