Bleiben oder gehen?

Kaum eine Frage ist in einer Beziehungskrise schwerer zu beantworten und zieht grössere Konsequenzen nach sich. Die Paar- und Sexualtherapeutin Ruth Westheimer hat keine Patentlösung parat, hilft aber dabei, sich mit der Frage auseinanderzusetzen.

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Der Inhalt dieses Artikels wurde von bewusster leben zur Verfügung gestellt.

Wollen Sie diesen Menschen lieben, ehren und ihm treu sein, in guten und in schlechten Zeiten, bis dass der Tod Sie scheidet? Auch wer es nicht bis aufs Standesamt schafft, hat irgendwann einmal innerlich «Ja» gesagt, vielleicht im sicheren Glauben, sich den Partner schon noch zurechtzubacken oder die Liebste werde schon ewig so bleiben wie sie jetzt ist. 

Wenn sich die ersten Zweifel einschleichen 

Fast Dreiviertel der Menschen hierzulande glauben an die Liebe fürs Leben. Doch der Prozentsatz sinkt mit zunehmendem Lebensalter. Der Alltag lässt mehr Träume zerplatzen als Luftballons auf einem Kindergeburtstag. Erst schleichen sich schüchterne Zweifel ein, werden vorlauter und grösser, bis sie irgendwann mit bleiernem Gewicht auf den Schultern sitzen. 

«Gehen oder Bleiben?» ist wahrscheinlich eine der schwerwiegendsten Fragen, die man sich im Leben stellen kann, insbesondere wenn es sich um eine langjährige Verbindung handelt, Kinder im Spiel sind und finanzielle Unabwägbarkeiten dazukommen. Wie ein schweres Joch drückt sie die Betroffenen hinunter, raubt ihnen Lebenskraft und lässt keine anderen Fragen mehr neben sich aufkommen. 

Das Gefühl, sich entscheiden zu müssen, kann zu schmerzhaften Spannungszuständen führen, die eine Entscheidungsfindung noch mehr beeinträchtigen. Natürlich könnte man als kluger Vernunftmensch einfach eine Kosten-Nutzen-Analyse erstellen: Was spricht dafür, was dagegen? Fertig! Problem erkannt, Lösung gefunden. Doch obwohl Sie Pro und Contra schwarz auf weiss in der Hand halten, sind Sie ihrer Entscheidung nicht näher gekommen? Vielleicht fühlen Sie sich sogar noch elender, weil Ihr Bedürfnis nach Gewissheit immer noch nicht gestillt ist, obwohl Sie sich so viel Mühe gegeben haben. Oder Sie fürchten sich einfach davor, eine Entscheidung zu treffen, die Sie später vielleicht bereuen. Gleichzeitig wäre Ihnen aber jede Entscheidung lieber als dieser quälende Zwiespalt. 

Früher war alles leichter 

Schieben wir die Lösung der grossen Frage also zunächst ein wenig zur Seite und betrachten die Frage einmal aus historischer Perspektive. Früher war alles leichter. Konventionen nahmen uns Entscheidungen ab, Scheidungen kamen – im wahrsten Sinn des Wortes – nicht in Frage. Paare blieben zusammen und arrangierten sich mehr oder weniger unglücklich in der Sicherheit nicht hinterfragter Glaubenssätze. 

Heute stehen uns alle Freiheiten offen. Scheidungen sind nicht mehr geächtet, sondern zur Norm geworden. Die finanzielle Abhängigkeit voneinander hat sich meist verringert und dank Elite-Partner und Tinder können wir uns alle elf Minuten frisch verlieben. Doch gerade weil traditionelle Verbindungen wie Familie, Verwandtschaft und langjährige Freundschaften durch mobilere und flexiblere Lebensentwürfe mehr und mehr an Bedeutung verlieren, wird die moderne Partnerschaft oft mit zu hohen Ansprüchen und unrealistischen Erwartungen überfrachtet. Schliesslich ist der archaische Wunsch nach Sicherheit nicht vollständig verschwunden. Und die nagende Ungewissheit, ob eine Beziehung noch zu retten ist oder nicht, beraubt uns dieses elementaren Bedürfnisses. 

Sich selbst eine gute Freundin sein 

Wer oder was kann in dieser labilen Situation helfen? Würden Sie sich an eine Freundin wenden, die gerade im Burnout steckt, sodass Sie sie trösten müssen, weil es Ihnen so schlecht geht? Oder an jemanden, der ungefragt eine fertige Gebrauchsanleitung für den Rest Ihres Lebens aus der Tasche zieht: 1. Sofort ausziehen, 2. Eigene Karriere starten, 3. Baldmöglichst eine neue Beziehung such ... ? Oder würden Sie sich in dieser schwierigen Lage einen zugewandten Menschen an Ihrer Seite wünschen, der zuhört, überraschende Fragen stellt, der annehmend und mitfühlend auf Sie eingeht? Wer so eine Unterstützung an seiner Seite weiss, kann sich glücklich schätzen.

Doch egal ob Ihnen jemand beiseite steht oder nicht, stets haben Sie die Möglichkeit, sich selbst diese hilfreichen inneren Haltungen zukommen zu lassen, und inmitten ungelöster Probleme freundlich und verständnisvoll zu bleiben, sich selbst eine gute Freundin, ein guter Freund zu sein. Wäre jemand, der Ihnen am Herzen liegt, in einer ähnlichen Situation, würden Sie denjenigen kritisieren, dass er nicht sofort die «richtige» Lösung parat hat? Vielleicht hilft es schon, die Verwirrung für einen kurzen Moment schlichtweg zuzulassen, anstatt Sie als persönliches Versagen zu betrachten? 

Machen Sie eine Bestandsaufnahme 

Sparen Sie sich die Widerstandsenergie gegen den momentanen Zustand. Kämpfen Sie nicht gegen die Tatsache an, nicht zu wissen, was gerade zu tun ist. Wenden Sie sich stattdessen der Verwirrung selbst zu. Um mehr als Kreisgedanken zu denken, braucht es zunächst ein Minimum an Entspannung und Ruhe. Erst dann eröffnen sich neue Ideen, ungewohnte Perspektiven und bisher verdeckte Lösungswege. 

Hier setzt Ruth Westheimer an. In ihrem jüngsten Buch dröselt die 92-jährige Paar- und Sexualtherapeutin die grosse Gehen-oder-Bleiben-Frage in kleinere Unterfragen auf. Zur besseren Orientierungshilfe entwirft sie drei Beziehungskategorien, in die kriselnde Paare geraten können: Da sind zunächst die extrem schädlichen Beziehungen. Alles, was mit Missbrauch, Gewalt, egal ob physisch oder psychisch und ähnlichem zu tun hat. Stecken Sie in so einer Beziehung fest, rät Westheimer keine Sekunde länger zusammen zu bleiben. Oder gleicht Ihre Beziehung eher einem steinigen Weg? Die letzten Meter waren bereits extrem holprig, nun stehen Sie vor einer Weggabelung und es ist nicht klar, ob der Rückweg zu einer gesunden Beziehung noch zu schaffen ist. Oder Sie befinden sich in einer kniffligen Lage, in der Sie trotz gegenseitiger Zuneigung nicht wissen, wie Sie weitermachen sollen. 

Wenn es auf alle kluge Fragen keine Antwort gibt 

Ruth Westheimer schlägt vor, einen Moment inne zu halten und eine klare Bestandsaufnahme Ihrer derzeitigen Beziehung zu machen. Was läuft schief? Freuen Sie sich nicht mehr, mit Ihrem Partner Zeit zu verbringen? Hat sich ständiger Streit zur gemeinsamen Hauptbeschäftigung entwickelt? Oder – noch schlimmer als Dauerauseinandersetzungen – sprechen Sie überhaupt nicht mehr miteinander und leben stumm nebeneinander her?

Anstatt mit der eigenen Entscheidungsunfähigkeit zu hadern, besteht die Gelegenheit, einen genauen Blick auf alle möglichen Aspekte einer Beziehung zu werfen. Mit welchen Erwartungen haben Sie die Beziehung begonnen? Wer von Ihnen hält die Zügel in der Hand oder üben Sie beide gemeinsam die Kontrolle aus? Trägt finanzieller Druck dazu bei, die Beziehung zu belasten? Welche gemeinsamen Interessen teilen Sie? Wie reagieren Sie in Konflikten? Hat einer am Ende immer recht? Ziehen Sie sich schon zurück, bevor überhaupt eine Auseinandersetzung stattfindet? Sprechen Sie mit Ihrer Partnerin darüber, wie Sie miteinander sprechen? 

Die Verantwortung für das eigene Leben zurückgewinnen 

Doch was tun, wenn all die vielen kleinen klugen Fragen immer noch keine Antwort auf Ihre grosse drängende Frage bringen? In diesem Fall empfiehlt Westheimer «mindestens einen Monat lang nicht mehr über diese Frage nachzudenken». Sie lädt dazu ein, die Zeit zu nutzen, «den Rest Ihres Lebens in Ordnung zu bringen» und den Fokus auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu legen. Ist wirklich der Partner schuld daran, dass Ihnen die verbleibende Lebenszeit irgendwie immer schneller durch die Finger zerrinnt? Gilt der Partner als willkommener Sündenbock für unerfüllte Träume und Vorstellungen? 

Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Leben zurückzugewinnen. «Mir ist klar, dass Sie nicht Ihr ganzes Leben in einem Monat auf die Reihe bekommen können», räumt Westheimer ein, «aber schon wenn Sie einige Fortschritte machen, wird das Ihre Einstellung zu Ihrer Beziehung verändern.»

Sich nicht auf Biegen und Brechen sofort zu entscheiden und die Ungewissheit auszuhalten, bedeutet jedoch keinesfalls, wie ein kopfloses Huhn durchs Leben zu stolpern. Im Gegenteil: Seien Sie wach und neugierig. Beobachten Sie Ihre Reaktionen im Alltag. Machen Sie sich mit den eigenen Beziehungsmustern vertraut und lernen Sie die Ihres Gegenübers besser kennen. Finden Sie heraus, was Sie für Ihren Partner wirklich empfinden. 

Die entscheidende Frage: Ist es Liebe oder Anhaftung? 

Eine wichtige Frage, die sich Paare in einer solch schwierigen Entscheidungssituation stellen, lautet: Liebe ich mein Gegenüber oder ist es eher Anhaftung? Und wenn Sie damit nicht weiterkommen: Was ist eigentlich Liebe – und wie unterscheidet Sie sich von Anhaftung? Bevor Sie ein Paar wurden, hatten Sie sich damals – angetrieben von einem Gefühl des Mangels und der Leere – auf die verzweifelte Suche nach einem Traumprinz gemacht, der Sie wachküsst und für den Rest Ihres Lebens auf Händen trägt? Wer die eigenen wunderbaren Seiten nicht sehen kann, idealisiert seinen Partner und macht das eigene Seelenheil davon abhängig, mit einem scheinbar perfekten Wesen zusammen zu sein. Da diese hohen Erwartungen niemand erfüllen kann, ist die zwangsläufig eintretende Entzauberung meist besonders schmerzhaft. Liebe dagegen erwächst aus innerem Reichtum und erlaubt uns, am Partner auch Schwächen zu erkennen und zu akzeptieren. Was ist die Quelle Ihrer ganz individuellen Zuneigung? 

Was zählt ist, wie Sie sich fühlen 

Gehen oder bleiben? «Nur Sie können diese Entscheidung treffen. Eine Beziehung aufzugeben, die jemand anders vielleicht für gut halten würde, oder in einer zu bleiben, die alle anderen für schrecklich halten, ist völlig in Ordnung», findet Westheimer. «Was zählt ist, wie Sie sich darin fühlen.»

Und egal, ob Sie Ihre Beziehung auf ein neues Fundament stellen oder beenden, auf ewig in Schockstarre zu verweilen, ist kein guter Plan. Dann befolgen Sie lieber Westheimers Rat und stellen «eine Sanduhr auf Ihren Schreibtisch, die Sie daran erinnert, keinesfalls zuzulassen, dass Ihre Beziehung Körnchen für Körnchen das Leben aus Ihnen heraussaugt».

Ruth Westheimer …
... gilt als Pionierin der Sexualaufklärung. Sie arbeitet als Dozentin am Calhoun College der Yale University, am Butler College der Princeton University und als Lehrbeauftragte an der New York University, wo sie an der Medizinischen Fakultät unterrichtet. Sie hält weltweit Vorträge und ist Autorin mehrerer Bestseller u.a. dem Titel «10 Geheimnisse für richtig guten Sex», erschienen im Goldmann Verlag. 

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